Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Es ist ein Buch über sein Leben; über seinen frühen Aufstieg in den Olymp der Berühmten und Schönen, aber auch über seinen tiefen Fall in die schreckliche Drogensucht. Mit dem autobiographischen Roman Panikherz erzählt uns Benjamin von Stuckrad-Barre ganz hemmungslos sein Leben nach und verbindet damit seine grosse Liebe zu Udo Lindenbergs Musik und seiner Person selbst.

Als jüngster Sohn einer Pastorenfamilie wird es ihm in seiner Kindheit sehr schwer gemacht: Keine Nutella zum Frühstück wie bei den anderen Kindern, sondern irgendeine Bio-Schokoladenpaste und obendrauf ein erschwerter Zugang zu aktueller Musik, da die Eltern viel lieber Klassik hören. So kommt er erst durch seinen älteren Bruder, der zu der Zeit einen Zivilschutzaufenthalt in Hamburg macht, mit der Musik von Udo Lindenberg in Kontakt und ist von Anfang an begeistert: Fortan hört er nur noch Lindenbergs Platten, doch mit seinem ersten kleinen Beruf als Mitredakteur einer örtlichen Gratiszeitung sollte sich diese Begeisterung mit der Zeit dämpfen, da sich Udo in einem aktuellen Formtief befindet. Durch diese Zeitung erhält er auch den erleichterten Zugang zu den ganz Grossen, da es als Musikkritiker auch zu seinem Beruf gehört, an Konzerte zu gehen und mit den goldenen Backstage-Pässen die Künstler zu treffen. Obwohl er nie eine höhere Schulbildung absolviert hatte, nimmt man ihn dennoch als Praktikant beim Plattenlabel L’Age D’Or und bei der Frankfurter Allgemeinen auf, was er sicherlich nicht zuletzt seinem früheren Chef und Mentor bei der Göttinger Gratiszeitung verdankt. Darauf folgt ein sehr grosser Aufstieg von Benjamin von Stuckrad-Barre, der sich durch viele Etappen der Anstellung bei grossen Marken und der Veröffentlichung seiner ersten eigenen Bücher auszeichnet. So ist er auch eine Zeit lang Drehbuchautor für den grossen Harald Schmidt oder Journalist beim Rolling Stone. Während dieser Zeit ist seine grosse Udo-Liebe allerdings immer noch in einem Tief, was vor allem durch Lindenbergs bescheidenen Erfolge und seinen fragwürdigen Auftritten in der Öffentlichkeit mithervorgerufen wird. Aus diesem Grund zerreisst ihn Benjamin auch in seinen Kritiken, da er nur noch eine umhertorkelnde Witzfigur in ihm sieht.

Auf den grossen, sehr frühen Aufstieg von Stuckrad-Barre erfolgt dann der entsprechend tiefe Fall, der sich durch eine sehr hartnäckige Drogensucht, verbunden mit seinem grossen Margerwahn, auszeichnet. Dieses Kapitel in seinem Leben zeichnet sich durch einen grossen Realitätsverlust und einigen nutzlosen Aufenthalten in Entzugskliniken aus. Aus diesem Grund kommt es dann auch so, wie es kommen muss und es ist der grosse Udo Lindenberg in Persona, der bei Benjamin die Handbremse zieht und somit das schrecklichste verhindern kann. Durch diese Rettungsaktion, verbunden mit der Selbstverständlichkeit von Udo, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er eben nun ist, wird die grosse Liebe zu Udo bei Stuckrad-Barre wieder entfacht.

Neben diesem Nacherzählen seiner Vergangenheit läuft sozusagen die eigentliche Haupthandlung in diesem Buch in Los Angeles ab. Es ist wie eine künstlerische Pause für Benjamin von Stuckrad-Barre, die er nun gut zehn Jahre nach seinem grossen Verfall weit weg von Deutschland in Kalifornien geniessen kann. Diese «Gegenwart» wird dabei immer wieder mit der Vergangenheit in Verbindung gebracht, etwa wenn von Stuckrad-Barre mal wieder einen bekannten Freund, wie beispielsweise Brett Easton Ellis oder Thomas Gottschalk trifft und sich mit ihm an die Vergangenheit erinnert. Aus diesem Grund hat man es bei diesem Buch eigentlich mit einem autobiographischen Roman, einem Udo-Liebesbekenntnis und einer wundervollen Beschreibung der früheren und aktuellen Popkultur in einem zu tun. Dazu kommt noch diese wunderbare Ehrlichkeit von Stuckrad-Barre, wie er dem Leser nicht einmal die peinlichsten und schrecklichsten Stunden in seinem Leben – und davon gab es so einige – vorenthalten möchte, die von seiner sehr humorvollen und manchmal auch satirischen Schreibweise abgerundet wird. Für mich ist dieses Buch ein tolles Beispiel dafür, dass es von Stuckrad-Barre noch immer kann und nicht ein One-Hit-Wonder war, auch wenn er eine so schwere Zeit hinter sich hat, und dass man von ihm in Zukunft sicherlich noch so einiges erwarten kann. So hat dieser Roman in mir auch eine grosse Lust geweckt, sein ebenfalls erst letztlich herausgekommenes Buch Nüchtern am Weltnichtrauchertag zu lesen. Man sieht; dieses Buch hat mich ziemlich begeistert, weshalb ich es auch auf jeden Fall weiterempfehlen kann.

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